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Neujahr
Die Angst vor dem weißen BlattEin unbeschriebenes Blatt Papier bietet viel Platz, um kreative Ideen aufzuschreiben. Es kann aber auch unter Druck setzen, wenn es irgendwie gefüllt werden muss. Das wissen alle, die schon einmal einen Artikel, eine Rede, ein Gedicht oder eine Predigt geschrieben haben. Der erste Satz ist meistens der schwerste. Danach läuft es oft flüssiger. Der Beginn eines neuen Jahres verunsichert mich auch immer ein bisschen. Noch nichts ist erledigt, nichts ist abgehakt, nichts ist erreicht. Klar, es bieten sich ganz neue Chancen im neuen Jahr, aber da ist auch ein riesiger Berg an Dingen, die noch geplant und vorbereitet werden müssen. Und oft stelle ich mir die bange Frage: wird es…
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Fest der Heiligen Familie, Lesejahr A
Menschwerdung in der FamilieWie hat Jesus wohl seine Kindheit verbracht? Nach der Geburt schweigt die Bibel über die ersten dreißig Jahre des Lebens Jesu – mit einer Ausnahme, wo über den zwölfjährigen Jesus im Tempel berichtet wird. Die Frage zu beantworten, ist also ziemlich spekulativ. Aber ich halte es für eine wichtige Frage, weil die Kindheit das Leben Jesu geprägt haben dürfte. Wenn schon das Matthäus-Evangelium davon berichtet, dass Josef nicht der Vater Jesu ist, dürfte das den Menschen in Nazareth auch bekannt gewesen sein. Das, was wir im Glauben bekennen, nämlich dass der Heilige Geist Gottes über Maria kam, dürfte im Alltag der Umgebung kaum zu vermitteln gewesen sein. Wenn es sich…
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Stephanstag
Krippe und KreuzGestern noch ein kleines Kind, heute schon ein Erwachsener, der seine Jünger auf Ungemach vorbereitet. Gestern noch das friedliche Bild in der Krippe, heute schon die Steinigung des ersten Märtyrers Stephanus. Zwischen dem ersten und dem zweiten Weihnachtstag könnte der Kontrast kaum größer sein. Nicht nur, dass wir einen Zeitsprung von 35, vielleicht 40 Jahren machen, auch die Emotionen sind ganz andere. Das drückt sich auch in den liturgischen Farben aus: gestern noch frohes weiß, heute das blutrote Gewand. Und doch ist es gerade der Kontrast, der unseren christlichen Glauben auszeichnet. Freud und Leid liegen eng beieinander – da drückt der Glaube zutiefst menschliche Erfahrungen aus. Auch in dem, was…
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Heiliger Abend
Mit Gott unter einem DachDas Wort heilig kommt heute ganz häufig vor: Der Heilige Abend; Stille Nacht, heiligen Nacht heißt es in den Liedern oder hochheilige Nacht, ja sogar heiligste Nacht. Vieles in unserem Alltagsleben bezeichnen wir auch als heilig: Gesundheit; Zeit für uns, unsere Familie, unseren Freundeskreis; manchen ist das Auto oder ein anderer Gegenstand heilig; mir ist mein Volleyball-Team heilig, wo ich immer wieder abschalten und mich auspowern kann. Wenn uns etwas heilig ist, investieren wir viel Zeit und Energie da hinein. Da muss alles passen. An Weihnachten besteht die Gefahr, dass wir den Heiligen Abend in derselben Weise verstehen. Alles muss möglichst perfekt sein, nichts darf die Atmosphäre stören. Eine heile…
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2. Adventssontag, Lesejahr A
Neue Wege in ein erfülltes Leben entdeckenKennen Sie Maja Göpel? Bis vor wenigen Wochen sagte mir dieser Name nichts, dann wurde sie mir immer wieder auf Instagram in meine Timeline gespült. Manchmal sind die Algorithmen dann doch hilfreich, denn was diese Frau sagt, ist aus meiner Sicht unheimlich relevant und obendrein unterhaltsam. So bin ich auf einen Vortrag von ihr an der Leibniz-Universität in Hannover gestoßen. Maja Göpel ist Professorin und forscht zu Fragen einer nachhaltigen Transformation (Veränderung). Statt darüber zu reden, wie schlecht alles ist und wie viel schlechter es noch werden kann, fragt sie, wie wir die Welt nachhaltig gestalten, also lebenswert für alle machen können. Sie schaut also sozusagen von der Zukunft auf…
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Neujahr
Free Hugs von GottVor einigen Jahren kam aus Australien eine Bewegung auch nach Deutschland, die sich Free Hugs nannte. Free Hugs, also kostenlose Umarmungen haben Menschen zum Beispiel Passant:innen in Fußgängerzonen angeboten, indem sie ein Pappschild mit dem Schriftzug hochhielten. Viele Menschen haben sich davon ansprechen lassen und wurden für einen kurzen Augenblick umarmt. Dahinter steht die Wahrnehmung der meisten Menschen, dass Umarmungen uns guttun. Sei vermitteln Nähe, Zuneigung, Geborgenheit und Schutz, manchmal auch Intimität. Natürlich können Umarmungen auch unangenehm sein. Daher ist es wichtig, sensibel dafür zu sein, wann es angemessen ist, jemanden zu umarmen. In der Coronazeit jedenfalls haben vielen Menschen die Umarmungen gefehlt. Das hat möglicherweise zusätzlich für Stress gesorgt,…
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2. Adventssonntag
Mit Jesus auf mein Leben schauenDas Original einer recht bekannten Ikone ist im Louvre ausgestellt. Einen Nachdruck davon gibt es in der Versöhnungskirche in Taizé und an zahlreichen anderen Orten. Ihr Titel: „Christus und Abbas Menas“ oder auch „Jesus und sein Freund“ oder „Ikone der Freundschaft“. Sie zeigt einen gewissen Abt Menas neben Christus. Beide schauen dem Betrachter frontal in die Augen, sie blicken also in dieselbe Richtung. Jesus trägt in der linken Hand ein Evangeliar, die rechte Hand hat er freundschaftlich auf die Schulter des Abtes gelegt. Seit einigen Jahren begegnet mir diese Ikone immer mal wieder und ich kann wohl sagen, dass sie mein Bild von Christus auch geprägt hat. Jesus als derjenige,…
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Mariä Empfängnis
Was genau feiern wir da schon wieder?Würde man eine Liste der kirchlichen Feste mit den schwierigsten Namen erstellen, wäre das heutige Fest vermutlich ganz oben mit dabei: Hochfest der ohne Erbsünde empfangenen Jungfrau und Gottesmutter Maria. Gleich drei der vier Mariendogmen in der katholischen Kirche tauchen da im Titel auf: die Jungfräulichkeit Mariens, die Tatsache, dass Maria die Gottesgebärerin ist und eben der Anlass des Festes: dass Maria von der Erbsünde befreit ist. Puh! Wohlgemerkt feiern wir nicht die Empfängnis – oder moderner gesagt: die Zeugung – Jesu in Maria. Auch wenn das Evangelium dies nahelegt, wäre das 17 Tage vor Weihnachten ja auch absurd. Vielmehr feiern wir die Zeugung Marias durch ihre Eltern, die in…
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1. Adventssonntag
Hängen wir in der Warteschleife?Die anstrengendsten Telefonate sind für mich Warteschleifen. „Zurzeit sind alle Mitarbeiter:innen in einem Gespräch“, heißt es dann oft. Manchmal folgt dann noch der Zusatz: „Die aktuelle Wartezeit beträgt zehn Minuten.“ Oft ist das der Moment, wo ich auflege, um es zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal zu versuchen. Manchmal ist das Anliegen aber so wichtig, dass ich eben doch warte und die Zeit in Kauf nehme. Allerdings mache ich dann nebenher häufig noch irgendetwas anderes. Wenn es dann auf einmal in der Leitung klickt und eine menschliche Stimme mich begrüßt, muss ich dann erstmal meine Konzentration wiederfinden, um zu formulieren, weshalb ich anrufe. Beim Warten ist es also wichtig, auch…
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Hochfest Allerheiligen
Heilige: So bunt wie GlasflaschenVon Zeit zu Zeit gehe ich – vermutlich genau wie Sie – zum Glascontainer, um Altglas zu entsorgen. Da gibt es dann ja meist drei Container: für weißes, grünes und braunes Glas. Das weiße Glas ist noch einfach zu ermitteln, bei der Unterscheidung, ob eine Flasche aber nun aus grünem oder braunem Glas besteht, tue ich mich dagegen oft schwer. Ich habe auch den Eindruck, dass der Übergang oft fließend ist und dass es von den Lichtverhältnissen abhängt, also davon, wie ich auf den Gegenstand schaue. Der Unterschied ist nicht so deutlich, es gibt nicht das klassische Schwarz und Weiß. Wenn wir den Begriff „Heilige“ hören, dann ist das wohl…












